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Leica Q – Typ 116

Die Perfekte "Kompaktkamera"? - Meine Erfahrungen mit der kleinen Leica

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Es gab eine Zeit, da war ich Leica gegenüber recht skeptisch eingestellt. Das ist nun schon ein paar Jahre her und mag auch daran liegen, dass ich zu dieser Zeit vielleicht noch etwas zuviel in den überkritischen Foto-Foren unterwegs war. Dort wurde Leica gerne mal als überteuerte Marke für Zahnärzte dargestellt, ein Stück weit auch nachvollziehbar, sieht man doch oft eine Leica über einer ebenso kostpieligen Handtasche baumeln. Inzwischen hat sich mein Bild von Leica deutlich gewandelt, nicht ganz unschuldig daran ist Paul Ripke. Spätestens mit den genialen Bildern des vergangenen WM Finales in Rio (zu sehen im beeindruckenden Bildband One Night in Rio), hat er auf eindrucksvolle Weise gezeigt, dass eine Leica durchaus auch als Arbeitstool im harten Fotografenalltag taugt.

Paul war es auch, der das Verleica Projekt ins Leben gerufen hat. Mit einer kurzen Bewerbung hat man als Fotograf die Möglichkeit eine bereits etwas betagte Leica M9 mit einem 21er Elmarit Objektiv für ein bestimmtes Projekt ausleihen zu können. Auch ich hatte die Kamera für mein Kuba Projekt Anfang 2018 im Einsatz (mehr dazu in kürze im Blog) und habe mich dabei voll und ganz mit dem Leica Virus infiziert. Aber es geht hier ja um die Leica Q und nicht die M, das hat auch einen ganz einfachen Grund: Meine Traumkombination eines lichtstarken 28mm Objektivs an einer Leica wäre in Form eines aktuellen M Models recht kostspielig geworden und wird auch von der Leica Q perfekt erfüllt – so kam es, dass ich Mitte Mai voller Vorfreude meine bestellte Leica Q in Schwarz bei Foto Walter in Tübingen abholen konnte.

Ja ich gebe zu es war kein ganz rationaler Kauf – ein lichtstarkes 28er habe ich auch an meiner Sony – aber ich bin mit dieser Kombination bei Reportagen, wo es auch mal schnell gehen muss, nicht so richtig warm geworden. Und der Leica Faktor spielt halt doch auch eine Rolle ;).

Facts

Schaut man sich die harten Fakten an, dann kommt man schon erstmal ins Grübeln. Sie sieht aus wie ein Mix aus zu groß geratener Kompaktkamera und einer Leica M, nur eine feste 28er Brennweite und dann der Preispunkt von gut 4.000€ lassen einen doch erstmal am Konzept hinter der Kamera zweifeln. Ja das Ding ist nicht billig, aber trotzdem die günstigste Leica (mit Vollformatsensor). 28mm ist auch nicht gerade die universellste Brennweite, ich kann also die Skeptiker schon verstehen. Für Preis/Leistungsbewusste Käufer und rationale Fotografen – die nur das Equipment kaufen das Sie brauchen – ist diese Kamera höchstwahrscheinlich nicht das richtige.

Lassen wir also mal die rationale Geschichte raus und bleiben beim Leica Mojo. Aber auch dann wird sich der Leica M Nutzer erstmal wundern, denn Leica hat in der Q einige Features verbaut die dem reduzierten Fotografieerlebnis der Leica M erst einmal wiedersprechen. Autofokus, elektronischer Sucher, Bildstabilisator und Touchscreen – die Leica Q erscheint wie ein Blick in die Zukunft.

Trotz vieler Funktionen ist das Bedienkonzept sehr aufgeräumt, 6 Knöpfe und ein Steuerkreuz auf der Rückseite, Zeit- Wahlrad oben und ein Daumenrad an der Oberkante. Minimalistisch wie von Leica gewohnt. Highlight für mich ist das aufgeräumte Menü, alles ist schnell eingestellt und man hat über die Knöpfe auf der Rückseite direkt Zugriff auf alle wichtigen Funktionen. Die Kamera lässt sich für meinen Geschmack sehr flott und intuitiv bedienen. Auf die Technik selbst will ich gar nicht so sehr eingehen, die Kamera ist ja schon ein paar Tage auf dem Markt und Testberichte gibt´s bereits einige. Mir geht es hier um den subjektiven Eindruck und meine Erfahrungen mit der Kamera.

Ein Handschmeichler

Nimmt man die Kamera in die Hand fällt zuerst mal direkt die Verarbeitung auf und das mehr als positiv. Der gesamte Body und das Objektiv sind komplett aus Metall. Dasselbe gilt auch für Gegenlichtblende und Objektivdeckel – so kennt man es von Leica und so erwartet man es auch. Die Kamera ist ein Handschmeichler und es macht Freude sie in der Hand zu halten. Zu Meckern gibt es an dieser Stelle nichts, nichts wackelt oder klappert. Alle Knöpfe und Rädchen lassen sich bedienen wie man es erwartet. Der Fokusring läuft Smooth und der Blendenring rastet genauso ein wie man es sich wünscht – satt aber nicht zu schwergängig.

Ich gebs ja zu, ich stehe einfach auf diese Details und hab Spaß an einem mit Samt ausgekleideten Metall Objektivdeckel. Auch hier wieder: Man muss einfach Freude an der Qualität und der Verarbeitung haben, gute Gehäuse können andere auch aber eben nicht in dieser Perfektion. Jedes mal wenn ich die Kamera in die Hand nehme stellt sich bei mir ein Grinsen ein.

Was mir etwas fehlt ist der Grip, die Kamera ist schön geformt aber eben auch etwas schlüpfrig, auch das kennt man bereits von den M – Modellen – deshalb habe ich gleich den optionalen Griff dazu gekauft. Hier muss man ausprobieren was einem mehr liegt, als alternative zum Griff gibt es auch einen sogenannten “Thumbs-Up”, dieser wird auf den Blitzschuh gesteckt und verbessert den Grip am Daumen. Im direkten Vergleich hat mir jedoch der Handgriff besser gefallen. Der Griff wird am Stativgewinde befestigt, das hat jedoch den Nachteil, dass der Deckel für Akku und Speicherkarte verdeckt wird und der Griff bei einem Wechsel abgenommen werden muss. Hier wäre eine Lösung mit weiterhin zugänglichem Akku- und Kartenfach angenehmer gewesen.

Traditionell wird die Blende am Objektiv eingestellt, ich mag den Blendenring sehr und finde die Bedienung vorn am Objektiv viel intuitiver als mit einem kleinen Rad an der Kamerarückseite. Auch manuelles Fokussieren ist über den gut beschrifteten Fokusring kein Problem. Für mich war gerade die Möglichkeit vernünftig manuell fokussieren zu können ein wichtiger Punkt. Mit der M9 habe ich mir schnell angewöhnt auf der Straße aus der Hüfte zu fotografieren und mithilfe der Fokusskala am Objektiv scharf zu stellen. Diese Möglichkeit habe ich so ander Leica Q ebenfalls und nutze ich gerade bei der Streetfotografie sehr oft.

Bei Reportagen dagegen verlasse ich mich gerne auf den sehr guten und flotten Autofokus. Selbst bei schlechten Lichtverhältnissen funktioniert dieser tadellos und stellt auch bei Blende 1.7 zuverlässig und auf den Punkt Scharf.

Die Kamera ist Leica typisch darauf ausgelegt weitgehend manuell bedient zu werden, das macht schon das Rad für die Verschlusszeit deutlich – genau hier liegt für mich die große Stärke. Ich arbeite zu großen Teilen im komplett manuellen Modus und bin damit sehr flott und sicher unterwegs. Auch manuelles fokussieren geht mir sehr gut von der Hand. Hier kommt wieder der Leica Purismus durch – durch das gute Bedienkonzept kann man gut manuell Arbeiten und es macht Spaß. Viele andere Kameramodelle dagegen sind auf die Nutzung aller Features ausgelegt und das manuelle Arbeiten wurde bei der Konzeption nur wenig bedacht und macht dementsprechend auch keinen Spaß.

Der Sucher ist super, man darf aber keinen Vergleich zur M ziehen. Es ist einfach ein anderes Konzept. Ich bin elektronische Sucher bereits gewöhnt und habe mich auch sehr schnell zurecht gefunden, durch Fokus Peaking und Sucherlupe kann man auch bei Offenblende sehr gut auf den Punkt scharf stellen. Trotzdem ist es kein Messsucher! Das kann und sollte man nicht vergleichen. Ich möchte an dieser Stelle auch gar nicht werten, denn die Sucherthematik ist einfach Geschmacksache – da hilft nur ausprobieren. Ich komme damit gut klar, auch wenn mir ein richtiger Messsucher trotzdem lieber ist.

28mm Objektiv mit Gratis Rückdeckel

Eins der Highlights ist sicher das hervorragende 28er Summilux, der Blick rüber in die Leica M Welt relativiert dann auch schnell den Preis der Q – denn ein 28er Summicron mit “nur” Blende 2.0 kostet ebenso viel wie die Leica Q – hier gibts dann die Kamera noch “umsonst” dazu ;). Das Objektiv der Q ist schon bei Offenblende knackscharf, in ca. 80% der Fälle setze ich es auch weit offen ein und bin mit den Ergebnissen sehr zufrieden, auch das Bokeh ist für meinen Geschmack sehr schön anzusehen.

Das Objektiv hat eine Makroeinstellung, die Anfangsblende ist dabei jedoch “nur” noch f/2.8 – trotzdem ein tolles Feature, denn in Verbindung mit der kurzen Brennweite ergeben sich hier interessante Perspektiven und Looks.

Wenn wir schon bei der Bildqualität sind: Ja die Kamera ist schon ein paar Tage auf dem Markt, für mich jedoch kein Problem – wie bei vielen anderen Kameras auch sind die Sensoren schon seit längerem auf einem Niveau, das zumindest für mich absolut ausreichend ist. Dynamikumfang und Rauschverhalten sind überzeugend auch mit ISO 6.400 kann ich gut leben, wobei ich meistens deutlich darunter bleibe. Es ist aber gut zu Wissen das man auch bei schlechten Lichtverhältnissen noch Reserven hat.

Ich mag besonders die Farbinterpretation, gerade Hauttöne sind sehr überzeugend. Der Grundlook der Q Daten ist einfach stimmig, das ist mir aber auch bereits bei der M9 positiv aufgefallen. Hier macht Leica einiges richtig!

Im Einsatz

Schaut man sich Reaktionen zur Leica Q an, wird oft die Brennweite skeptisch betrachtet. 28mm ist eben doch ein gutes Stück weitwinkliger als die universelleren 35mm. 7mm machen im Weitwinkelbereich eine Menge aus, auch wenn sich der Unterschied erstmal nicht so groß anhört. Viele fühlen sich mit 35mm oder 50mm einfach wohler. Für mich sind die 28mm aktuell jedoch perfekt. Seit ich mit dem 21er Elmarit an der M9 Kuba unsicher gemacht habe, habe ich gelernt Nah ranzugehen, um interessante Perspektiven zu finden. 35mm sind mir daher oft schon zu “eng”. Mit 28mm ist der Kompromiss für mich perfekt für Reportagen und Street Fotografie. Es ist sicher nicht die erste Wahl für Portraits aber auch die mache ich inzwischen gerne mit der Q, mit 28mm ist man sprichwörtlich mittendrin statt nur dabei. Man ist gezwungen auch mal den unangenehmen Schritt näher ranzugehen, wird dann aber mit besonderen Perspektiven belohnt.

Die Reduktion auf die eine Brennweite hat auch etwas lehrreiches, ich bin sowieso großer Fan von Festbrennweiten und besitze auch fast nur solche. Man ist gezwungen sich mit dem einen Objektiv auseinanderzusetzen und die Komposition über den “Fußzoom” zu Regeln. Ich merke wie mir diese Selbstbeschränkung hilft meine Fähigkeiten im Hinblick auf die Bildkomposition zu verbessern.

Nicht nur einmal musste ich meine Komfortzone verlassen und noch ein, zwei Schritte näher rangehen. Mich bringt das enorm weiter!

Die Leica Q kann auch direkt in den Einstellungen auf 35mm oder 50mm Croppen, die Funktion ist gut gelöst – man kann das Bild so auf den Ausschnitt komponieren, hat allerdings nachher trotzdem das 28mm DNG. Trotzdem nutze ich diese Funktion nicht und halte sie eher für eine Notlösung. Viel Auflösung bleibt nicht mehr übrig wenn die 24 Megapixel auf 50mm eingecroppt werden, außerdem wiederspricht das in meinen Augen dem Konzept der Kamera – wie bereits geschrieben sollte man sich auf die eine Brennweite voll und ganz einlassen!

Die kleinen und großen Details

Die Kamera hat einen hybriden Verschluss, bis 1/2000 s greift der mechanische Verschluss – dann geht es bis 1/16.000 s weiter mit elektronischem Verschluss. Bei Offenblende an sonnigen Tagen habe ich diese Reserven auch schon ab und an ausgereizt. Apropos Verschluss: Der mechanische Verschluss ist als Zentralverschluss ausgeführt. Damit fällt auch die Blitzsynchronzeit mit 1/500 s angenehm kurz aus, was nochmal etwas Reserve beim Blitzen mit Offenblende bringt, auch diese Möglichkeit nutze ich gerne.

Noch ein Punkt zum Verschluss: Die Leica Q ist extrem Leise, was in vielen Situationen ein großer Vorteil ist. Der elektronische Verschluss ist vollkommen lautlos, der mechanische so leise das man schon genau hinhören muss um das leichte Klicken wahrzunehmen.

Die App der Q funktioniert tadellos – ein Punkt der nicht unbedingt selbstverständlich ist. Sie bietet alle wichtigen Funktionen wie Fernsteuerung der Kamera oder das übertragen von Fotos aufs Smartphone. Ich habe die iOS Version genutzt, zu Android kann ich nichts sagen.

Nicht so toll…

Viel Negatives kann ich nicht Berichten, was mir jedoch bislang dreimal passiert ist: Die Kamera hat sich nach der Aufnahme von Serienbildern im Wiedergabemodus aufgehängt. Allerdings hatte ich dabei nicht die schnellsten Speicherkarten im Einsatz. Ich habe dann auf die SanDisk Extreme Pro U3 Karten gewechselt und habe seither Ruhe. Ich gehe also davon aus, dass hier die Speicherkarten Schuld waren und hoffe das der Fehler nicht in einer kritischen Reportage Situation erneut auftritt…

Leica Q – ein gelungener Kompromiss?

Ich habe es ja schon mehrfach erwähnt, die Leica Q ist keine Kamera für jedermann. Für meine Zwecke ist sie super geeignet, ich mag den Look und setze sie gerne für Reportagelastige Shootings und die Streetfotografie ein. Dafür ist sie perfekt, zumindest für meine Bedürfnisse. Wer mit 28mm Brennweite nichts anfangen kann ist hier eindeutig falsch. Es ist ein Konzept auf das man sich einlassen muss!

Die Leica Q steht zwischen den Stühlen. Es ist keine puristische Leica M, die auf jeglichen Firlefanz verzichtet. Es ist aber auch keine Allroundkamera, dafür ist die Beschränkung auf 28mm zu speziell. Jemand der sich vor jeder Kaufentscheidung eine Liste mit den Vor- und Nachteilen der einzelnen Kaufkandidaten anfertigt wird wahrscheinlich nicht zur Q greifen. Man muss sich auf das Konzept einlassen, die Verbindung aus Leica typischen Elementen und technischen Errungenschaften moderner Digitalkameras schafft einen gelungenen Kompromiss mit dem sich sehr gut Arbeiten lässt und der mir eine Menge Spaß bereitet.

Leica Mojo

Noch ein paar Worte, die völlig abseits der Technik stehen: Ja über Leica wird viel geredet, die einen Loben die Kameras in den Himmel, für die anderen sind sie ein überteuerter Luxusartikel für Menschen mit zuviel Geld. Am Ende geht es aber doch darum, wie wohl man sich mit einer Kamera fühlt. Mir macht es einfach Spaß die kleine Leica zu benutzen, ich fotografiere mit mehr Freude und nehme die Kamera auch wesentlich öfter einfach mit. Am Ende ist es doch ganz einfach: Wenn ein Werkzeug beim Benutzen Spaß macht, dann werden auch die Ergebnisse besser.

Die gleiche Diskussion gibt es doch überall. Klingt eine Stradivari Geige wirklich besser? Ist sie das viele Geld Wert? Braucht es wirklich eine Vintage Gitarre aus den 50ern? Die Antwort lautet meistens Nein, vergleichbare Bilder macht auch eine Kamera für deutlich weniger Geld. Für mich ist die Leica Q am Ende ein Werkzeug das mir Spaß macht, das hilft mir und das merken meine Kunden und Models bei der Arbeit am Ende ebenso.

Ein weiterer guter Erfahrungsbericht, der auch mir in meiner Entscheidung geholfen hat findet sich auf Neunzehn72.de.

Wer sich übrigens fragt, was das für ein Gurt an der Kamera ist: Der ist ebenfalls von Paddy, der nebenNeunzehn72  auch hinter Chief Mate (Kameragurt) steht.

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